Stammesmitglieder und Ehemalige trauern um "Ikki" – ein Nachruf!
Es war Freitag, der 31. März 1939 als in Siegen ein kleiner Junge geboren wurde, seine Eltern gaben ihm den Namen Jürgen. Einige Jahre später, im Jahr 1947, wurde in einer Waldhütte in Deuz der Stamm Hubertus Siegen gegründet, da war Jürgen gerade einmal 8 Jahre alt. Ich weiß nicht genau, wie Jürgen zu den Pfadfindern des Stammes Hubertus fand, fest steht jedenfalls, dass im Alter von 10 Jahren aus dem Kind Jürgen der Wölfling Ikki geworden war und dies einen Funken in ihm entzündete. Und dieser Funken sollte seinen Lebensweg entscheidend beeinflussen.
Deine Kindheit und Wölflings- und Pfadfinderzeit kurz nach dem Krieg war geprägt von der allgemeinen Aufbruchsstimmung, einhergehend mit dem überall gebotenen Erfindungsreichtum. Material war knapp, kreative Ideen vonnöten. So verwundert es nicht, dass Du alles gebrauchen konntest und selten etwas entsorgt wurde. Reste nutzen, Vorhandenes umfunktionieren, damit hast Du uns bis zuletzt immer wieder verblüfft, und zugegebenermaßen mit Deiner Sammelleidenschaft auch oft genervt.
Du wuchst aus der Meute heraus, wurdest Jungpfadfinder, Pfadfinder und schließlich Ranger/Rover. Ach nein, damals gab es ja noch getrennte Jungen- und Mädchenverbände, also wurdest Du zunächst Rover, später von 1962 bis 1974 auch Stammesführer.
Du, liebe Ille, hast mir erzählt, dass Ihr Euch so um die 70 Jahre gekannt habt. 70 Jahre, das ist weitlänger als die allermeisten von uns alt sind. Auch hier hatten die Pfadfinder ihre Hände im Spiel, denn Du warst im Pfadfinderinnenverband aktiv. Es kam, wie es gar nicht so unüblich bei den Pfadfindern ist, Ihr fandet zueinander und schlosst den Bund für‘s Leben. Deine Schwester Hildegard heiratete Eckhardt, der in unserer Stammes- und Landesverbandsgeschichte ebenfalls eine wichtige Rolle spielte. Auch weitere Familienmitglieder waren im Stamm Hubertus aktiv. Im Rückblick könnte man sagen, dass fast so eine Art Pfadfinderdynastie entstand. Und so verwundert es nicht, dass Eure Söhne Mark-Stephan und Kim-Oliver bei vielen besser bekannt sind als Happy und Mowgli.
Anders als viele von uns, die es irgendwann in den Landesverband oder in Gremien auf Bundesebene zog und zieht, bliebst Du stets dem Stamm treu. Deine Berufung sahst Du in der direkten Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen. Viele, viele Jahre hast Du Deine Frau Ille als Meutenführung unterstützt. Und auch hier hast Du unzählige Funken versprüht in der Hoffnung, dass diese in unseren Wölflingen und Pfadfindern zünden würden. Denn in Dir selbst loderte seit frühster Jugend das Feuer echter Begeisterung, Du branntest zeitlebens für die Idee der Pfadfinderei.
Dein beruflicher Weg war kurvenreicher als der pfadfinderische. Du warst musikalisch, arbeitetest als Klavierstimmer und Klavierverkäufer in einem bekannten Siegener Musikhaus. Klavierstimmer, heute ein überaus gefragter Beruf, damals jedoch eine mehr als unsichere Zukunftsperspektive. Die Chance auf eine Neuorientierung ergab sich schließlich und aus Dir wurde ein Lehrer, ein Pädagoge. Das merkte man zuweilen sehr deutlich, sowohl im Guten als auch im weniger Guten. Wir Ehemaligen erinnern uns nur zu gut an die im ganzen Heim verteilten Klebezettel, unzählige davon klebten auf Schränken, Türen, Kisten und Kästen. Mal stand der Inhalt darauf, mal eine Bitte, mal eine Anweisung. Und auch das pädagogisch unpädagogische Mittel des Aussperrens wurde zeitweise zu unserem ständigen Begleiter. Küche und Materialraum wurden regelmäßig wegen inakzeptablen Zustandes zugeschlossen. Da passierte es auch schon mal, dass eine Fahrt, ein Lager oder sonstige Unternehmung anstand und wir nicht an unser Material kommen konnten. Dass jedes Handeln oder eben auch Nichthandeln Konsequenzen nach sich zieht, mussten wir so manches Mal sozusagen schmerzhaft lernen.
Wer an Pfadfinder denkt, hat oft ein Bild von singenden Menschen, die sich rund um ein Lagerfeuer versammelt haben, vor Augen. Ja es stimmt, wir Pfadfinder singen gerne und oft, häufig des Abends in der Jurte im Feuerkreis. Schöner und stimmungsvoller ist es natürlich, wenn das Singen von Gitarrenspiel begleitet wird. Und so war es Dir eine Herzensangelegenheit, auch Deine musikalische Ader in die Stammesarbeit einfließen zu lassen und Generationen von Pfadfindern das Gitarrenspiel beizubringen. Du wachtest stets darüber, dass im Stamm ausreichend Gitarren zur Verfügung standen und hattest ein Auge auf das Auswechseln gerissener Saiten oder kleinere Reparaturen. Wenn wir es auch nie ausgesprochen haben, so glaube ich doch, dass wir es Dir mit vielen Teilnahmen an Singewettstreiten immer wieder gedankt haben.
Während ich diese Zeilen schrieb, ging mir immer wieder eine Frage durch den Kopf. Warst Du vielleicht ein viel besserer Pädagoge, als uns bewusst war, quasi ein Schlitzohr? Hast Du vielleicht eben deshalb an manchem Althergebrachten festgehalten, um uns aus unserer Komfortzone herauszulocken, uns zum Handeln zu zwingen, dazu, Verantwortung zu übernehmen? „Ich will Verantwortung übernehmen und mich für die Gemeinschaft einsetzen, in der ich lebe“, so steht es in unseren Pfadfinderregeln und so versprechen wir es uns gegenseitig im Rahmen unseres Pfadfinderversprechens. Schade, dass ich das nie gefragt habe, jetzt ist es dafür zu spät.
Ein weiterer Meilenstein in Deiner Pfadfinderhistorie ist unser Förderverein. In Zeiten, in denen der Begriff Förderverein für die meisten noch ein Fremdwort war, hast Du wiederum das Zepter in die Hand genommen und dessen Gründung für unseren Stamm aktiv vorangetrieben. Hier galt es einige Klippen zu umschiffen, denn das damalige Vereinsrecht sah einen eigenen Förderverein für eineneinzelnen Verein eigentlich gar nicht vor. Doch aus dieses Projekt konnte am 22.08.1977 erfolgreich umgesetzt werden und so schauen wir heute auf eine fast 50jährige Fördervereinsgeschichte zurück. Lange Zeit warst Du der Vorsitzende, bis Du diese Aufgabe im Jahr 2004 in die Hände nachfolgender Generationen gelegt hast, unter anderem in meine. Das war ein schwerer und einschneidender Schritt für Dich, danke, dass Du uns hast machen lassen. Aber etwas Positives hatte die Ablösung doch – Du wurdest unser Ehrenvorsitzender und als Geschenk überreichten wir Dir einen Schaukelstuhl, quasi als Zeichen des wohlverdienten Ruhestandes. Einen Platz dafür hatten wir natürlich auch auserkoren, nicht im Hubertusraum, sondern in unserem Archivraum, von dem wir liebevoll als „Deinem Wohnzimmer“ sprachen und immer noch sprechen.
Du warst ein bescheidener Mensch, Du brauchtest kein direktes Lob, auch wenn Du Dich bestimmt das ein oder andere Mal sehr darüber gefreut hättest. Für Dich war es aber Dank genug, den Stamm aufblühen und aktiv zu sehen. In den Jahren ab 1959 traf man sich noch in kleiner Runde in einer kleinen Hütte nahe der Freusburg, später dann von etwa 1967 bis 1984 am Altenberg in der ehemaligen Jugendherberge am Oberen Schloss. Durch hartnäckiges Verhandeln, an dem Du maßgeblich beteiligt warst, konnte der Stamm im Jahre 1984 die ehemalige Schule in der Blücherstraße in Beschlag nehmen und sich dort ein eigenes Stammesheim einrichten. In den besten Jahren fanden sich regelmäßig um die 200 Pfadfinder:innen zu den Heimabenden ein. So kam es dann auch, dass Ehemalige sich dafür einsetzten, dass Du für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wurdest, das Dir dann im Jahre 2001 auch verliehen wurde. Nachdem der Pachtvertrag für die Schule in der Blücherstraße auslief, fanden wir im Jahre 2010 im ehemaligen Kindertreff der Stadt im Seilereiweg unser jetziges Zuhause. Auch hierbei hast Du uns tatkräftig unterstützt und begleitet.
Der Lebenskreis unseres langjährigen Weggefährten und Ehrenvorsitzenden hat sich geschlossen. Ikki hat jahrzehntelang die Geschicke unseres Stammes gelenkt, hatte stets das Wohl unseres Stammes im Blick und war ein Streiter für die Idee der Pfadfinderei. Der Funke, der in dem kleinen Wölfling Ikki entzündet wurde, der jahrzehntelang in ihm brannte, der weitere Funken versprühte und im Laufe der Zeit hundertfach geteilt wurde, dieser Funken ist nun für immer erloschen.Wir sind sehr traurig und in Gedanken bei seiner Familie. Wir werden Ikki stets ein ehrendes Andenken bewahren.
Lieber Ikki,
es würde Dich stolz und glücklich machen zu sehen und zu erleben, wie viele Ehemalige sich in den heutigen schwierigen Zeiten für den Stamm so überaus engagiert einbringen, das, was sie selbst erleben durften, weitergeben möchten und alles daran setzen, für unsere Wölflinge und Pfadfinder Lager und Fahrten möglich zu machen. Dein Funke mag erloschen sein, aber Du hast die Fackel nur weitergegeben, die Flamme der Pfadfinderei brennt in vielen, vielen von uns weiter.
Dein Schaukelstuhl in Deinem Wohnzimmer in unserem Pfadfinderheim bleibt nun für immer leer. Wir danken Dir für Dein unermüdliches Engagement sowie Deine Geduld mit uns und verabschieden Dich mit einem letzten
Gut Jagd, Gut Pfad, Seid wach und Allzeit bereit!
(Verfasst im Juli 2026 von Claudia Kiel stellvertretend für die Mitglieder und Ehemaligen vom Stamm Hubertus Siegen und seinem Förderverein)